Was für ein großartiger Tag!

Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung der Ereignisse am Starttag, den 21. November 2013.

Der Tag begann früh am morgen, bereits um 7:00 Uhr waren wir am Lehrstuhl um die allerletzten Vorbereitungen für die Startparty zu treffen. Um kurz vor acht hatte sich dann trotz der frühen Stunde eine große Gruppe im Foyer des LRT versammelt. Es waren aktuelle und ehemalige Mitarbeiter von First-MOVE dabei, Freunde, Verwandte, Geschwister… Auch viele Mitglieder des MOVE 2 Teams waren da um DAS Ereignis mitzuerleben.

Um genau 10 Minuten und 11 Sekunden nach acht Uhr schoss dann die Dnepr Rakete in Yasny aus ihrem Silo, auf großen Leinwänden konnten die Zuschauer dies mit einer Computeranimation verfolgen, untermalt mit dramatischer Musik.
Nach den ersten aufregenden Minuten in denen die ersten Stufen der Rakete ausbrannten und abgeworfen wurden folgte eine längere Wartephase in der die Oberstufe der Rakete die insgesamt 32 Satelliten bis in den Zielorbit transportierte. 937 Sekunden nach dem Start wurde First-MOVE dann gemeinsam mit seinen beiden “Mitbewohnern” im ISIPod Auswurfmechanismus ausgestoßen. Das wurde bald darauf aus Russland per Webchat bestätigt.

Diese Ereignisse wurden natürlich von großem Jubel im Publikum begleitet. Die erste Etappe war geschafft und First-MOVE war auf seinem Orbit. Wir sind dann vom Foyer in unseren kleinen Kontrollraum umgezogen und haben alles für den ersten Überflug vorbereitet, der wurde um 9:46 Uhr erwartet.

Gebannt saßen wir im Kontrollraum vor unseren Bildschirmen und auch die vielen Zuschauer im Foyer, nun gestärkt durch ein kleines Frühstück, warteten gespannt auf das erste Signal.

Der Überflug kam und ging vorbei, doch leider hörten wir nichts. Den leichten Anflug von Enttäuschung konnten wir schnell überwinden, denn der Überflug war sehr kurz und flach, das heißt First-MOVE lugte nur kurz über den östlichen Horizont, nur um bald danach wieder zu verschwinden. Der nächste Überflug würde deutlich besser werden, mit einer maximalen Elevation (Winkel zwischen der Sichtlinie auf Satelliten und dem Horizont) von fast 60 Grad und einer Dauer von fast 15 Minuten. Wir verbrachten die 1,5 Stunden bis zu diesem Überflug mit wieder wachsender Spannung.

Um 11:22 kam First-MOVE wieder über den Horizont und die Antenne auf dem Dach des Fakultätsgebäudes folgte dem vorberechneten Kurs des Satelliten über den Himmel. Nach etwa vier Minuten hörten wir ein sehr leises surren aus den Lautsprechern im Kontrollzentrum. Es war ein schwaches Signal auf einer ähnlichen Frequenz wie First-MOVE, aber war er es wirklich? Hätte das Signal nicht stärker sein müssen? Kann es einer der anderen 31 Satelliten gewesen sein, die mit uns in den Weltraum geschossen wurden? Wir empfingen kein weiteres Signal und waren am Ende des Überflugs etwas ratlos. Bis zum nächsten Überflug waren es wieder nur 1,5 Stunden und schnell schlossen wir ein weiteres, empfindliches Messgerät, einen sogenannten Spectrum Analyzer, an unser Funkgerät um die Signale besser analysieren zu können. Der nächste Überflug war wieder kurz und hatte eine maximale Elevation von 20 Grad. Wir beobachteten die Anzeige des Spectrum Analyzers sehr genau und sahen plötzlich einen größeren Ausschlag etwas oberhalb der Frequenz von First-MOVE. Könnte das eine der Funkbaken gewesen sein? First-MOVE sendet alle 60 Sekunden einen kurzen Funkspruch, also warteten wir mit angehaltenem Atem eine Minute und tatsächlich, ein weiterer Ausschlag auf dem Spectrum Ananlyzer! Das hörte sich sehr nach First-MOVE an und es kam vorsichtiger Optimismus auf.

Der nächste Überflug würde erst wieder am frühen Abend stattfinden, wir hatten also viel Zeit uns Gedanken zu machen, wie wir den Empfang am Boden verbessern könnten. Dazu schlossen wir einen weiteren Verstärker an unser Funkgerät an um das empfangene Signal “lauter” zu machen. Um 20:47 Uhr begann der nächste Überflug und wieder starrten wir gebannt auf die verschiedenen Bildschirme und Anzeigen im Kontrollraum. Etwa in der Mitte der vorberechneten Überflugsdauer sahen wir wieder einen Ausschlag auf dem Spectrum Analyzer, konnten aber auf den Lautsprechern nur Rauschen hören. Nach 60 Sekunden wieder ein Ausschlag, aber kein Ton. Könnte etwas mit dem Satelliten nicht stimmen? Waren die Batterien leer geworden? War er kälter als berechnet geworden? Wieder herrschte Ungewissheit und Skepsis. War das jetzt First-MOVE oder nicht? Der nächste Überflug kam 1,5 Stunden später und war mit 57,9 Grad Elevation auch ganz gut. Aber wieder gab es nur ein paar ausschläge zur Richtigen Zeit auf dem Spectrum Analyzer und keinen Ton. Was war da los?

Der nächste Überflug würde erst wieder am nächsten morgen stattfinden, also begannen wir die Bodenstation in den Ruhemodus zu versetzen und der Kontrollraum begann sich zu leeren. Es war mittlerweile kurz nach 23:00 Uhr Ortszeit, viele der Zuschauer waren bereits Stunden zuvor nach Hause gegangen und auch der “harte Kern” wurde kleiner. Insgesamt war die Stimmung gedrückt. Keiner war sich mehr so richtig sicher, was man beim zweiten Überflug gehört hatte und das Vertrauen in die Bodenstation in Garching wankte.

Da guckte jemand noch jemand schnell nach seinen E-Mails und es gab einen Aufschrei: Ein Amateurfunker aus Dänemark hatte ein Signal empfangen und uns die Aufzeichnung geschickt:

AX.25 Beacon von Rene

Für jeden anderen wäre dieses Geräusch nur ein komisches Piepen gewesen, aber wir, die wir so oft lange Stunden im Reinraum verbracht hatten um den Satelliten zu bauen und testen, kannten dieses Geräusch nur zu gut und wussten sofort: Das war First-MOVE! Das war die Morse-Bake! Wir hatten es tatsächlich geschafft! Denn auch wenn das Signal zu leise und zu schwach war um die darin enthaltenen Daten zu entschlüsseln, die Tatsache, dass wir überhaupt etwas empfangen haben bedeutete, dass alles perfekt geklappt hatte.

Direkt nach dem Auswurf war der Bordcomputer hochgefahren und hatte einen 7 Minuten langen Countdown gestartet. Nach Ablauf dieser Zeit, wurden die Halterungen der Solarpanele gelöst und die “Flügel” von First-MOVE wurden ausgeklappt. Nach weiteren 8 Minuten wurde dann das Funkgerät eingeschaltet und das Betriebssystem in den Bereitschaftsmodus versetzt. All dies passierte natürlich nach den extremen Belastungen beim Start der Rakete, im harten Vakuum des Weltraums und irgendwo über dem südlichen, Indischen Ozean, kurz vor der Antarktis. Wahnsinn!

Nach all dem was wir mit First-MOVE schon durchgemacht hatten, die technischen Schwierigkeiten, die Startverzögerungen, es hätte ihm auch irgendwie nicht ähnlich gesehen, wenn beim Start der Mission plötzlich alles wie am Schnürchen geklappt hätte. Wir waren trotzdem euphorisch und machten noch eine der seit dem morgen kaltgestellten Flaschen Sekt auf und stießen auf eine erfolgreiche Mission an.

Aber am Ende dieses langen, aufregenden Tages waren wir übermüdet aber überglücklich, denn wir wussten, er lebt, es geht ihm gut, und die Arbeit fängt gerade erst an!

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